Hallo,
ein sehr interessantes und wichtiges Thema fürs Handwerk.
Aus eigener Erfahrung kann ich nur zu stimmen. Ich kenne die Probleme, die Argumente und Einstellungen von potentiellen Auszubildenden und Ausbildungsabbrechern nur zu gut.
Die meisten die sich für eine Ausbildung im Nahrungsmittelhandwerk entscheiden, machen dies vielfach aus Mangel an Alternativen (geringe schulische Qualifikation, gestiegene Anforderungen in anderen Berufen usw.).
Aus meiner Zusammenarbeit mit Qualifizierungsträgern (Berufskolleg, Berufsberatung der Arbeitsagentur) ist mir bekannt wie die „Berufswahl“ bei einigen jungen Leuten abläuft. Wenn andere potentielle Ausbildungsbetriebe aus unterschiedlichen Gründen abwinken, bleibt vielfach noch das Bäcker- oder Konditoren-Handwerk übrig. Der Hinweis seitens der Bildungsträger bzw. der Arbeitsagentur, das es im Bäckerhandwerk noch freie Lehrstellen gebe, und man es doch einmal probieren sollte, da man ja sonst keine Chance hätte (oder bis zum nächsten Jahr warten müsse), bewegt einige dazu sich doch zu bewerben.
Ich kann „Meik70“ in seinen Aussagen nur zu Stimmen. Mein persönlicher Eindruck ist, dass das Bäckerhandwerk in vielen Betrieben zum (SORRY für diese drastische Ausdrucksweise!) Proleten-Handwerk (1) verkommt. Unbezahlte Überstunden, Arbeitsverdichtung, sich in den letzten Jahren verschlechterte Arbeitszeiten (fing ein Bäcker in den achtziger Jahren unter der Woche morgens um 4 Uhr an, so ist es heute in vielen Betrieben üblich am späten Abend um 22 Uhr), Produktion in großen Stückzahlen (teilweise eine sehr stupide Arbeit), nicht Einhaltung tariflicher Leistungen (Stundenlohn, Zuschläge, Arbeitszeiten, Freizeit!) usw. Da ist es dann egal, ob man sein Geld als Bäcker oder als Hilfskraft verdient.
In anderen Berufen verdient man zu besseren Konditionen das gleiche oder sogar noch mehr.
Kreatives Handwerk, „echte“ Produkte (Verzicht auf Tüten-Produkte) nach traditionellen Rezepten ... bleiben auf der Strecke.
Arbeit die Sinn macht, auf der man stolz sein kann. Berufsethos. So etwas ist in vielen Betrieben auf der Strecke geblieben. Wie kann ich stolz auf ein Backwerk sein, das ich mit „Tüten-Produkten“ herstelle, die entwickelt wurden, damit auch Aushilfskräfte diese herstellen können.
Nebenbei bemerkt: Wenn ich als Geselle oder Meister meine Qualifikation darin sehe, das ich in der Lage bin „Tüten-Produkte“ herzustellen und industrielle hergestellte TK-Backwaren auszupacken, dann werde ich irgendwann austauschbar! Irgendwann wird dann ein anderer den Job machen ... mit geringer Qualifikation und geringerem Lohn.
Selbst bei einem Job (Beispiel: Postdienste) mit einem Verdienst von 7 €/Stunde (siehe Diskussion Mindestlohn) kann dies für manchen potentiellen Auszubildenden, aber auch ausgelernten Bäcker) eine Alternative darstellen. Ein Zusätzlicher Nebenjob z.B. am Wochenende bringt dann noch zusätzlich etwas Geld in die Haushaltskasse.
Was ich damit sagen will ist, dass das Handwerk mit anderen Branchen vermehrt Konkurriert. Heute ist es nicht mehr selbstverständlich, dass man nach der Schule eine Ausbildung macht. Es fehlen einfach Ausbildungsplätze. Die Qualifikation der Schüler hat sich ebenso geändert wie deren individuellen Werte!
Den oder die „richtige“ Auszubildende zu finden, die hinter ihrem Lehrberuf stehen, gleicht fast schon einem Sechser im Lotto.
Es liegt an den Verantwortlichen, in Schule, in den Betrieben, der Gesellschaft und natürlich auch bei den Eltern, dies langfristig zu ändern.
(1) Prolet ist die umgangssprachliche Verkürzung des Begriffs „Proletarier“ und bezeichnete seit dem 19. Jhd. abwertend Menschen der städtischen und industriellen Unterschicht. Früher waren es die Arbeiter in den Stahlwerken, Häfen oder Zechen. Die gibt es heute fast nicht mehr bzw. deren Arbeit hat sich drastisch geändert. Deren Funktion nehmen heute, so meine Meinung nach, andere Berufe ein ...